Ein Nachruf
Univ.Prof. Cuno Brullmann (1945-2026)
"Es gibt Architekten der Fülle und solche der Leere, aber es gibt - und vielleicht vor allem - auch jene an der Schnittstelle zwischen Materie und deren Fehlen; jene, die sich weniger mit dem Formen des Volumens befassen als vielmehr damit, dieses zu informieren. Zu ihnen gehört Cuno Brullmann.“ Paul Virilio
Mit großer Dankbarkeit und tiefer Wertschätzung nehmen wir Abschied von
Cuno Brullmann – Architekt, Lehrer, Visionär und prägende Persönlichkeit der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien.
Sein Weggang erfüllt uns mit Trauer, zugleich aber auch mit großer Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit und für das Vermächtnis, das er hinterlässt.
Cuno Brullmann wurde 1945 in Kreuzlingen am Bodensee geboren. Nach seiner Matura in der französischsprachigen Schweiz begann er das Architekturstudium an der ETH Zürich, das er 1970 erfolgreich abschloss.
Noch vor seinem Diplom brach er zu einer Weltreise auf – eine Reise aus Neugier und Abenteuerlust. Über Japan, wo er bei Kisaburo Ito in Tokio arbeitete, und später über die USA kehrte er in die Schweiz zurück. Diese Zeit prägte ihn nachhaltig: die japanische Disziplin, die Wandelbarkeit des Raumes, Transparenz in der Architektur und modulare Konstruktionen beeinflussten sein Denken und sein Werk. Seit dieser Zeit begleitete ihn stets ein Skizzenheft – Ausdruck seines unermüdlichen Beobachtens und Entwerfens.
Auch die utopischen Ideen der Avantgarde-Architektur der 1960er Jahre – insbesondere die Bewegung Archigram – beeinflussten seine Haltung zur Architektur und zur Lehre. Visionen und Experimente wurden für ihn zu einem zentralen Bestandteil architektonischen Denkens.
Nach seinem Studium arbeitete er bei Ove Arup in London. Dort lernte er das integrative Arbeiten im Team kennen – ein Prinzip, das ihn sein gesamtes Berufsleben begleitete. Für ihn war Architektur nie das Werk eines Einzelnen, sondern das Ergebnis gemeinsamer Anstrengung.
In London begegnete er Renzo Piano und Richard Rogers – zu jener Zeit, als das Centre Pompidou in Paris entstand. Von 1972 bis 1976 arbeitete Cuno Brullmann in Genua und später als Projektleiter im internationalen Team dieses außergewöhnlichen Projekts. Er beschrieb diese Zeit selbst als eine Phase enormer Energie – getragen von Zusammenarbeit und gegenseitigem Vertrauen.
Später ließ er sich in Paris nieder, gründete ein eigenes Büro und war von 1980 bis 1994 Professor an der École Spéciale d’Architecture. Dort entwickelte er den Lehrgang des „Erfindens“ – eine Verbindung aus kreativem Denken und praktischer Umsetzung.
Ein besonderes Beispiel seiner Innovationskraft war das Ausstellungssystem Canva für die Cité des Sciences et de l’Industrie in Paris – ein weltweit patentiertes modulares System, das neue Wege der Präsentation ermöglichte.
1995 wurde Cuno Brullmann als ordentlicher Professor an die TU Wien berufen. Mit Leidenschaft, Offenheit und großer Hingabe prägte er Generationen von Studierenden.
Für ihn bedeutete Lehre weit mehr als das Vermitteln von Entwurfsprinzipien. Er wollte zeigen, wie gebaut wird – wie Denken, Technik und Konstruktion zusammenwirken. Kreativität verstand er nicht als Zufall, sondern als Ergebnis von Wissen, Präzision und Analyse.
Bequemlichkeit war ihm fremd. Neugier und der Wille, neue Wege zu suchen, begleiteten ihn bis zuletzt.
Neben seiner Lehrtätigkeit realisierte Cuno Brullmann zahlreiche Projekte: Wohnbauten in Wien, experimentelle Wohnanlagen in Amsterdam, das Centre Polytechnique in Cergy-Pontoise, die Galerie Art Défense in Paris und viele weitere.
Zu den herausragenden Arbeiten zählen neben der Ecole Camondo, die die ESA, die École Spéciale d’Architecture beherbergt (gem. mit Arnaud Fougeras Lavergnolle) und der der Restrukturierungen der CNIT – die Cité des Sciences et de l’Industrie in La Défense auch einige Projekte der Verkehrsinfrastruktur, wie die Parkgaragen am Flughafen von Nizza, in Massy in der Region Parisienne oder in Montpellier (gem. mit Jean-Luc Crochon).
Seine Architektur wurde von Richard Rogers als strukturalistisch, klar und kompromisslos radikal beschrieben – geprägt von moderner Technik und präziser Konstruktion.
Ein besonders visionäres Projekt war ein bewegliches Schwimmbad in Levallois-Perret an der Seine – wandelbar von Freibad zu Hallenbad. Ein beeindruckendes Konzept, das leider nie realisiert wurde, aber seine Innovationskraft eindrucksvoll zeigt.
Seine Haltung zur Architektur blieb stets konsequent:
Alte und neue Bausubstanz sollten ihre eigene Identität bewahren.
Man solle weder das Alte verstecken noch das Neue tarnen. Durch diese Haltung schuf er Orte mit eigenem Charakter und starker Präsenz.
Mit der Einführung der ArchDiploma, gemeinsam mit Klaus Semsroth, schuf er eine Plattform des Austauschs und der Reflexion, die bis heute fortgeführt wird. Sie steht für den lebendigen Diskurs über Architektur, Städtebau und Raumplanung – ein Diskurs, den er stets gefördert hat.
Sein Einfluss bleibt sichtbar – in Gebäuden, in Ideen, in Lehrmethoden und vor allem in den Menschen, die von ihm gelernt haben.
Wir haben Cuno als eine Person kennenlernen und erleben dürfen, die stets unterstützend war: Die uns in unseren persönlichen Interessen gefördert und unseren akademischen Vorhaben Raum gegeben hat.
Diese seltene Qualität beeinflusste nicht nur die vielschichtigen Lehr und Forschungsinhalte, die sich am Forschungsbereichs Wohnbau und Entwerfen etablieren konnten, sie prägte uns als Abteilung auch in einer gegenseitigen kollegialen Wertschätzung.
Mit dem Tod von Cuno Brullmann verlieren wir einen außergewöhnlichen Architekten mit Haltung, einen leidenschaftlichen Lehrer und einen unermüdlichen Suchenden.
Wir danken ihm für seine Ideen, seine Inspiration und seine Menschlichkeit.
Cuno Brullmann wird in unserer „Schule“, wie er die TU genannt hatte, und in unseren Erinnerungen weiterleben.